
Lieber Reinhard,
bei unseren letzten Telefonaten hast Du immer wieder die Hoffnung geäussert, wieder einmal nach Luxemburg kommen zu können. Nun ist daraus nichts mehr geworden. Von dem kleinen Land hast Du eine sehr idealisierte Vorstellung gehabt, vielleicht weil Dir in Deinem eigenen Land so vieles missfallen hat und Du die heimliche Wunschvorstellung hegtest, dass es irgendwo auch glücklichere Lebensumstände geben müsse. Wie dem auch sei, wohl mehr als zwanzigmal hast Du für zwei, drei Tage bei uns vorbeigeschaut, oft auf dem Weg zu Besuchen von Freunden in Frankreich.
Vor 33 Jahren liefen wir uns im belgischen Libramont bei einem internationalen Kolloquium zur Zukunft der Kaltblutpferde in Europa über den Weg. Aus der Bekanntschaft hat sich eine lange und tiefe Freundschaft entwickelt, wobei unsere gemeinsamen Bemühungen um das Projekt FECTU eine große Rolle spielten. Die Idee zu einem internationalen Netzwerk der Nutzer von Arbeitspferden stammte von Charlie Pinney aus England. Der erste konkrete Schritt dazu datiert auf den 2. Dezember 2001, als wir beide uns in Paris beim Salon du Cheval mit Luc Delas, dem Vorsitzenden der französischen Traits de Génie trafen, um als Vorbereitung auf die Gründung der FECTU eine Zusammenarbeit zwischen der IGZ und der französischen Vereinigung zu vereinbaren. Luc Delas lud uns etwas später zur Teilnahme an der Route du Poisson ein, bei der verschiedene Mannschaften mit jeweils 12 Zweispännern in Erinnerung an die historische Route der Fischlieferanten von Boulogne-sur-mer nach Paris fahren: Dich als Tierarzt und mich als Dein Fahrer und Dolmetscher. Du entsinnst dich sicher, wie Du gegen drei Uhr morgens eine Percheronstute aus unsrer Mannschaft wegen Überanstrengung aus dem Rennen genommen hast. Der Fahrer war maßlos enttäuscht, hat sich aber am kommenden Tag überschwänglich bedankt.
Gereist sind wir seitdem unzählige Male, nach Frankreich, Belgien, Italien, Polen, Portugal, Schweden, in die Schweiz …, meistens zur FECTU Mitgliederversammlung. Zum Treffen in Spanien kamen wir nicht, unser Flug von Brüssel nach Valencia fiel wegen des Terroranschlags auf den Flughafen von Zaventem aus, eine Umbuchung war nicht möglich. So blieben wir denn zuhause, führten endlose Gespräche über Gott und die Welt: ob über Equiden, Vögel, Nutztiere, Pflanzen, über Geschichte oder Musik oder Politik, du hattest auf allen Gebieten fundiertes Wissen und pertinente Meinungen. Übrigens haben wir auch noch einige hervorragende Pferdeaufnahmen aus dieser Zeit, denn ein begnadeter Fotograf warst Du auch.
Pferde, Mulis und Esel waren deine bevorzugten Tiere. Du hast sie nicht geliebt, Du hast eine große Freude an ihnen gehabt. Dieser Unterschied war Dir wichtig. Mit Zugtieren verbindet uns, sagtest Du, eine Art ungeschriebener Deal: das Tier arbeitet für den Menschen und dieser bietet Schutz, Nahrung und Respekt als Entgelt. Und dieser Deal beruht nicht auf Liebe, sondern auf gegenseitigem Vertrauen. Weniges war Dir so zuwider wie die angebliche Tierliebe, die Hundehochzeiten veranstaltet, als Clown herausgeputzte Esel vorführt oder Goldhamsterbestattungen organisiert.
Deinen letzten Besuch haben wir genutzt, um uns anzusehen, was die mittlerweile zurückgekommenen Biber an einem Bachlauf in unsrer Nähe anrichten. Du wusstest wie immer eine Menge dazu zu sagen. Bei dieser Gelegenheit entstand das Foto, das bei uns zuhause die Erinnerung an Dich wachhalten wird.
Pit Schlechter
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